Angst vor dem weißen Blatt

03. März 2016

Notizbücher machen aus Grübelnden Schreibende.

Die Rede ist hier nicht von den pragmatischen Notierern, den Post-it-Fetischisten – die notieren, vermerken, bookmarken ohnehin. Die Rede ist von den Kreativen, den Autoren, den Geschichtensammlern. Die schützt das Notizbuch vor einer Krankheit, die alle Schreibenden irgendwann heimsucht: die Schreibblockade, die Angst vor dem weißen Blatt – die Ur-Angst des Schreibenden. Denn vor sich das unbefleckte, jungfräuliche Papier meint man, dass – wann, wenn nicht jetzt? – alles möglich ist. Einmal falsch angefangen ist das Blatt versaut, jedes durchgestrichene Wort, jede ins Leere laufende Argumentation ein Zeugnis der eigenen Unfähigkeit.

Papier war wenigstens noch geduldig

Abhilfe versprach der Computer – kann man doch hier alles ungeschehen, also ungeschrieben, machen. Ganz schön naiv. Denn Papier war wenigstens noch geduldig – die Effizienzmaschine Computer hingegen versäumt es keinen Moment, auf die rapide dahinschwindende (Lebens-) Zeit zu verweisen. Für Masochisten: Die Uhrzeit finden Sie beim PC unten, beim MAC oben rechts. Damit wird das zunächst freundliche und auffordernde Blinken des Cursors auf weißem Grund zu einem leisten Ticken – running-out-of-time. Blanker Hohn auch die vom unterbeschäftigten PC angebotene Hilfefunktion in Gestalt einer hyperaktiven Büroklammer, die unbedingt beim Erstellen eines Briefes helfen möchte – auch und gerade dann, wenn man keinen schreibt.

Das Notizbuch hingegen ist dankbarerweise stumm – und klein. Da stimmen die Dimensionen: Mit einem kleinen weißen Blatt kann man mithalten und fühlt sich nicht, als wäre man beauftragt worden, mal eben die Decke der Sixtinischen Kapelle zu bemalen. Im Notizbuch fehlen nur ein paar Zeilen, schon muss man wieder blättern.

So wird das weiße Blatt zum gewohnten Anblick

Und mit der Gewöhnung daran verschwindet die Angst davor. Und sowieso: schon der Name „Notizbuch“ befreit ja vom Perfektionsdruck. Denn was hier entsteht, ist ja schon per definitionem nur Notiz, ist vorläufig, unfertig. Und falls doch doch mal was besser ist, als man dachte: umso besser. Denn im Gegensatz zum „Kapitel1.doc“ umgibt das Notizbuch die Aura des privaten und geheimen – und die verführt bekanntlich zum Lesen.

Einfach unauffällig im Café liegen lassen, Visitenkarte beilegen. Dann dauert’s nicht mehr lang bis zum großen Durchbruch.