Das Hier und Jetzt des Notizbuchs

Das Notizbuch als zentrales Tool unserer Zeit

Das Buch ist sicherlich eine der ausgereiftesten Erfindungen überhaupt. Trotz seiner langen Geschichte ist es allerdings keine Sache der Vergangenheit, sondern gehört unbedingt in das Hier und Jetzt. Schließlich birgt das analoge Medium ein ganz besonderes Potential, das auch in digitalen Zeiten absolut heutig ist.​

Virtuelle Welten sind immerwährend in Veränderung begriffen und damit durch und durch flüchtig. Einen Tag so, dann wieder völlig neu. Unter ständigem Austausch entstehen Informationen im Sekundentakt. Auf Bildschirmen wird unablässig um Aufmerksamkeit gebuhlt, und wenn es nur das Blinken des Cursers ist. Wort- und Bilderfluten, rasant und hochauflösend – allein der Flugzeugmodus erlöst vom 24/7-Rauschen des Digitalen. Bücher funktionieren anders, langsamer, aber auch direkter, körperlicher. Haut will spüren: das Material und seine dreidimensionale Qualität. Das Berühren der Oberflächen, der Geruch von Einband und Papier und nicht zuletzt die Sichtbarkeit der Zeit sorgen für ein Gefühl der Präsenz – die des haptischen Objekts, der notierten Ideen und des Schreibenden selbst. Notizbücher ermöglichen eine ganz eigene Erfahrung: Achtsam sein, sinnieren, sich und die eigenen Gedanken sammeln. Ein Buch aufzuschlagen kann so entschleunigend und Sinne schärfend wirken wie Zug fahren: in Bewegung sein und trotzdem stillsitzen – konzentriert, allein, für sich. Die Unmittelbarkeit, mit der Bilder und Sätze aufs Papier gebracht werden, ja der ganz individuelle Duktus des von Hand Geschriebenen und Gezeichneten rückt dabei gerade das subjektive Erleben, die eigene Wahrnehmung in den Fokus.

Kein Wunder also, dass Notizbuch-Nutzer fast zärtliche Gefühle für ihre analogen Ideenspeicher hegen – in gesprungenen Bildschirmen und ramponierten Tastaturen mag keiner seine eigene Geschichte aufscheinen sehen und bewahrt wissen. Die Liebe zum Notizbuch ist eine intime, eine dauerhafte und keine die zu posten und zu teilen wäre. Ein Raum für sich allein. Anstatt fürs Wegwerfen zum Behalten produziert.

Kaum ein Gegenstand zeigt Veränderung so deutlich wie ein Notizbuch.

Diese Beständigkeit des Buches ist allerdings niemals mit dem Statischen zu verwechseln. Kaum ein Gegenstand zeigt Veränderung so deutlich wie ein Notizbuch – und zwar am Objekt und im Denken. Verschiedenste Spuren, Kaffee und Wein, Schmutz und Regen, die sich ins Material prägen und eine ganz individuelle Patina erzeugen, erzählen von seinem Gebrauch, von Entwicklung und Veränderung. Und nicht nur äußerlich, sondern auch was ihren Inhalt betrifft, sind Notizbücher durchaus dynamisch angelegt. Werden Texte am Laptop zerstückelt, hin und her geschoben, stetig überarbeitet, optimiert, vollendet, um schließlich, überspeichert, perfekt da zu stehen, zeugt die Unmittelbarkeit des geschriebenen Wortes, die jede manuelle Verbesserung, jede herausgerissene Seite, jeden durchgestrichenen Buchstabe konserviert, vom andauernden Prozess des Denkens.

Beim erneuten Durchblättern offenbaren sich nicht selten versteckte Zusammenhänge und vergessene Erinnerungen. Arbeitsvorgänge haben so eine ganz eigene Form der Gegenwärtigkeit und Sichtbarkeit. Dabei passt gerade die Chronologie als „natürliches“ Ordnungssystem ideal zur zeitlinearen Funktionsweise des menschlichen Gehirns. Informationen lassen sich so auch intuitiv erstaunlich leicht finden. Noch dazu verankern sich analog Geschriebenes und Gezeichnetes ohnehin – wie allerei Studien beweisen – besser und langfristiger im Kopf. Denn schon im ersten Arbeitsschritt wird gefiltert, gewichtet und strukturiert.

Handschrift schlägt Zehnfinger-System

Das Notizbuch wird missverstanden, begreift man es als vordigitales Phänomen und verdammt es damit zu einem tristen Dasein als austauschbares Vintage-Accessoire oder letzte Alternative für konservative Technikverweigerer. Monoton-Monochromes passt genauso wenig wie pseudo-hipper Retro-Chic zu einem so vielseitigen Instrument unserer Zeit: Achtsamkeits- und Selbstfindungshilfe, Tagebuch und persönlicher Begleiter, Ideenspeicher und Inspirationsträger, Lernwerkzeug und Experimentierfeld, innovativ und altbewährt, lebendig und beruhigend, individuell und universal zugleich – ein zentrales Tool für das Hier und Jetzt eben.

Das Notizbuch wird mit jedem Eintrag zum persönlicheren und wertvolleren Begleiter.